Thomas J.M. Weisweiler                                                            


Lyrik   |   Werke

 

 

 

Sehnen

 

Oktoberabend daheim,
am Fenster sitz' ich still.
Werden die Verse zurückkommen?
Langsam schreiben sich Silbe und Wort.
Am Fenster sitz' ich still,
Oktoberabend daheim.

 

 

 

 

 

Herbstküsse

 

Als ich den Regen küsste,
war jede Perl' mir ein Tropf
voll wilder Lebenslüste,
Schauernass im Lockenkopf.

Später küsste mich der Tau,
lehrte frei und sanft zu spür'n,
dass die Weltlust fad' und rau,
und der Seele bös' sie zürn'.

Wenn deine Tränen ich küss',
wird mir traurig still das Herz,
als wenn meines horchen müsst'
deinem Lied und einem Schmerz.

 

 

 

 

 

Wellen

 

Es breiten sich der Lyrik Flügel 
wie Lichterschwingen hell und weit 
und fliegen grenzfrei ohne Zügel 
auf Liebeswellen zur Ewigkeit ...

 

 

 

 

 

Weinstock

 

Der Weinstock trägt die Rebenzweige, 
Die bleiben in ihm Tag und Nacht, 
Damit sich Frucht um Frucht erzeige, 
Gereinigt durch der Wahrheit Macht. 

Die bleiben in ihm Tag und Nacht, 
Durch seine Kraft sind sie erhoben, 
Gereinigt durch der Wahrheit Macht 
Für immer ewig ihn zu loben. 

Durch seine Kraft sind sie erhoben, 
Beschützt vor Gier und Dunkelbösem, 
Für immer ewig ihn zu loben, 
Bleibt er, um wahrlich uns zu lösen. 

Beschützt vor Gier und Dunkelbösem, 
Damit sich Frucht um Frucht erzeige, 
Bleibt er, um wahrlich uns zu lösen: 
Der Weinstock trägt die Rebenzweige.

 

 

 

 

 

Die Post

 

Die Post kam unauffällig schlicht 
Und wär' nicht aufgefallen; 
Der Umschlag einfach und frankiert, 
Er glich den Briefen allen. 

Doch als ich ihn geöffnet hatt', 
Flog mir dein' Lieb' entgegen: 
Du hast mir einen Kuss gesandt 
Und kannst mein Herz bewegen.

 

 

 

 

Treue

 

Wir sollen umerzogen werden 
Durch rechte, linke Schwafeleien; 
Doch fremdeln reinem Sinn Gebärden, 
Welch' Unsinn sich von Menschen leihen. 
Denn gläubig Herz folgt der Wegwarte, 
Die all'n der Schöpfer offenbarte.

 

 

 

 

 

Gründeln

 

Nachts am Flussgrund
gründeln Gedankenvagabunden.
Lässt sich den Stein der Weisen finden?
Zweifel graben tief und tiefer und
wenden Stein und Sandkorn.
Gedankenvagabunden gründeln
nachts am Flussgrund.

 

 

 

 

 

Labor

 

Ich ziehe 
eine Kanüle auf 
voll Unbewusstem 
und injiziere ins 
Papier ...

 

 

 

 

 

Atelier

 

Schöpfung will in Farben lieben,
Spielen, sprenkeln, streuseln, stupfen.
Pigment wird mit Öl gerieben,
Fröhlich kleckst das Malertupfen.

Spielen, sprenkeln, streuseln, stupfen,
Ein Haar fällt aus des Pinsels Quast.
Fröhlich kleckst das Malertupfen,
Mag Hell bei Dunkel, weil Kontrast.

Ein Haar fällt aus des Pinsels Quast,
Erlösung, Pein, Mut, Korrektur,
Mag Hell bei Dunkel, weil Kontrast,
Der Künstler schaut nicht gern zur Uhr.

Erlösung, Pein, Mut, Korrektur,
Pigment wird mit Öl gerieben,
Der Künstler schaut nicht gern zur Uhr:
Schöpfung will in Farben lieben.

 

 

 

 

 

Neu

 

Nachts am Maltisch still.
Ich tropfe Tuschen aufs Papier.
Das Weinen und der Schmerz?
Fällt eine Trän' ins Bild hinein
Und zeigt die Schöpfung neu.
Ich tropfe Tuschen aufs Papier
Nachts am Maltisch still.

 

 

 

 

 

Sentiment

 

Dem ganzen Winter hielt es Stand 
Und blüht im Blumenkasten vorn', 
Den Frost und Sturm heil überwand, 
Drein wurde mir's zum Freudenborn. 
Bleib' doch noch ein gelbes Weilchen 
Im April, o lieb Hornveilchen.

 

 

 

 

 

Blüte

 

Duftlos 
prachtet 
im Februar 
winterlachend 
der Blütenschopf 
als einziger: 
die Kamelie.

 

 

 

 

 

Eremitage

 

Freude sel'ger Einsamkeit,
still umarm' mein ganzes Herz.
Von der Welt hast du befreit,
leit' die Seele geisteswärts.

Still umarm' mein ganzes Herz, 
Einsamkeit, Geliebte du, 
leit' die Seele geisteswärts: 
Erdenzeit voll Himmelsruh'.

Einsamkeit, Geliebte du, 
dankbar liege ich bei dir, 
Erdenzeit voll Himmelsruh', 
schenk der Reinheit süße Zier.

Dankbar liege ich bei dir, 
von der Welt hast du befreit. 
Schenk der Reinheit süße Zier: 
Freude sel'ger Einsamkeit.

 

 

 

 

 

Lehrer

 

Die Stille bleibt der Lehrer mein, 
Wohl ich ruh' in sanftem Frieden. 
Sie übt mir das Gemüte rein 
zu wandern himmelwärts hinieden.

 

 

 

 

 

Sehnsucht

 

Wenn flüchtig leise du mich küßt,
Und deine Schritte von mir gehn,
Will deiner Haut Geruch verwehn:
Mir ist, als wenn ich folgen müßt.

Ich will ja nur dein Lachen hören,
Das helle Kichern, wirre Klingeln,
Und spürn dein Herzensringeln,
Wenn unsre Sinne sich betören.

Ach, im Traum wird mir so wehe,
Wenn flüchtig leise du mich küßt;
Zu dir fliegt meines Blicks Gelüst:
Wenn ich nur dein Lachen sehe!

 

 

 

 

 

Malerei

 

Am Mittag an der Staffelei: 
ich pinsele den Hintergrund 
und bange: Wird's ein Allerlei? 
Zum Grün das Rote leise summt, 
verbreitert sich ins Wellenbunt. 
Ich pinsele den Hintergrund 
am Mittag an der Staffelei.

 

 

 

 

 

Bleib'

 

Zimtrau mit Limonenglühen 
wie die Olive ohne Kern 
schaun meine morgenfrühen 
in deinen Seelenaugenstern:
Bleib!

 

 

 

 

 

Stärke

 

Wenn des Herzens Glück du liebst,
trau dir selbst. Achte, merke:
Welch Sehnen du zu Krümeln riebst.
Im Gemüt wohnt innen Stärke.

Trau dir selbst. Achte, merke:
Ewig ist dein Selbst der Wert!
Im Gemüt wohnt innen Stärke,
Vertraue, bis dein Ziel geklärt.

Ewig ist dein Selbst der Wert!
Wandre Schritt für Schritt bergauf,
Vertraue, bis dein Ziel geklärt,
Lass allen Träumen ihren Lauf.

Wandre Schritt für Schritt bergauf.
Welch Sehnen du zu Krümeln riebst.
Lass allen Träumen ihren Lauf,
Wenn des Herzens Glück du liebst.

 

 

 

 

 

Myosotis sylvatica

 

Vergissmeinnicht in edler Bläue 
Verziern den Rand der Waldeskrume; 
Am Haine blüht mit echter Treue 
Der Adel dieser Herzensblume.

 

 

 

 

 

Karfreitag

 

Heute bebt die Weltgeschichte, 
wenn Dein Leben ward zunichte. 
Höre, Herr, auch unsern Schrei: 
Herr für immer, Herr, verzeih'!

 

 

 

 

 

Karsamstag

 

Das Weltall saget heut' nichts mehr, 
seit gestern schweigt das Leben leer; 
ermordet ward der Liebste rein, 
der Retter tot, und wir allein.

 

 

 

 

 

 

Ostern

 

Seit Ewigkeit, seit Ewigkeit
kein Weiser hätte je erdacht,
was Du an uns hast, Herr, vollbracht,
von Ewigkeit zu Ewigkeit,
dass wir durchs Opfer Deiner Macht
zu voller Seligkeit erwacht
in Ewigkeit, in Ewigkeit.

 

 

 

 

 

September

 

Müde schwer der Sonnenblume 
Haupt neigt still sich erdenwärts, 
Senkt die Kerne braun zur Krume, 
Sehnt sich nach Ruh' und Schlaf und März.

 

 

 

 

 

Seelenweg

 

Weile sanft in stiller Leere, 
Des wirren Weltenchaos müd', 
Ruh' dich aus, mein Herz, und kläre 
Vom Ewgen das, was bald verglüht.

Des wirren Weltenchaos müd' 
Ward längst Besitz und Lust verdaut. 
Vom Ewgen das, was bald verglüht: 
Vergängliches lockt bunt und laut. 

Ward längst Besitz und Lust verdaut, 
Öffnet sich leis' der Weg zum Licht: 
Vergängliches lockt bunt und laut. 
Die Wahrheit bleibt, die Lüge nicht. 

Öffnet sich leis' der Weg zum Licht, 
Ruh' dich aus, mein Herz, und kläre: 
Die Wahrheit bleibt, die Lüge nicht. 
Weile sanft in stiller Leere.

 

 

 

 

 

Mobilé

 

Der Träumer wird zum Dichter,
Er hebt die Sprache in das Licht.
Die Lauen bleiben Gelichter,
Andre verstehen niemals nicht.

Er hebt die Sprache in das Licht,
Würdigt Klänge und jedes Wort.
Andre verstehen niemals nicht,
Die Leute schwatzen immerfort.

Würdigt Klänge und jedes Wort,
Wer Silben kann verehren!
Die Leute schwatzen immerfort,
Die Text um Text nur mehren.

Wer Silben kann verehren!
Die Lauen bleiben Gelichter,
Die Text um Text nur mehren.
Der Träumer wird zum Dichter.

 

 

 

 

 

Anfang

 

Im Schilfrohr sanft fängt sich ein Wind, 
Des Menschen Ohr beginnt zu hören. 
Mit Staunen lauscht dem Ton ein Kind, 
Ein Summen, Flüstern und Betören.

Des Menschen Ohr beginnt zu hören. 
Die Pfeifenflöt zeigt sich entdeckt. 
Ein Summen, Flüstern und Betören, 
Natur hat Künstlersinn geweckt. 

Die Pfeifenflöt zeigt sich entdeckt, 
Frei wird der Weg zum Instrument. 
Natur hat Künstlersinn geweckt 
Und horcht dem heitren Klang behend.

Frei wird der Weg zum Instrument, 
Mit Staunen lauscht dem Ton ein Kind 
Und horcht dem heitren Klang behend. 
Im Schilfrohr sanft fängt sich der Wind.